Börsenrallye trotz Warnsignalen: Was Anleger jetzt tun sollten
- Harry Büsser
- 21. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Viele Anlegerinnen und Anleger fragen sich derzeit: Sind KI, Halbleiter und Tech-Aktien schon wieder gefährlich überhitzt und kurz vor dem nächsten Crash? Die ehrliche Antwort lautet: Niemand erkennt den Höhepunkt zuverlässig im Voraus. Aber es gibt Warnsignale, die man ernst nehmen sollte. Einige Warnlampen blinken bereits. Andere stehen noch erstaunlich ruhig.

Die richtige Frage an der Börse lautet nicht: «Ist das eine Blase?» Sie lautet: «Was mache ich, wenn es eine ist – sie aber trotzdem noch lange weiterläuft?»
Denn so funktionieren Übertreibungen oft. Blasen platzen selten dann, wenn die ersten klugen Leute davor warnen. Meist steigen die Kurse danach noch weiter. Manchmal monatelang, manchmal jahrelang. Wer zu früh aussteigt, verpasst Rendite. Wer zu spät reagiert, bleibt auf überteuerten Aktien sitzen.
Genau deshalb ist die aktuelle Lage so schwierig. Der Boom bei künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Rechenzentren erinnert in manchen Punkten an frühere Übertreibungen. Die Kurse sind stark gestiegen, die Geschichten klingen grossartig, und immer mehr Anleger möchten dabei sein. Gleichzeitig ist die Skepsis noch immer gross. Kaum vergeht eine Woche ohne Warnungen vor einem übertriebenen Hype, vor zu hohen Bewertungen oder vor einer neuen Technologieblase.
Viele Anlegerinnen und Anleger stehen deshalb weiterhin an der Seitenlinie und warten auf den Rückschlag, der bisher nicht kommt. Auch meine persönliche Erfahrung spricht nicht für eine Euphorie wie zur Dotcom-Zeit: Damals wurde ich von Menschen, die sich sonst kaum für Aktien interessierten, regelmässig nach heissen Tipps gefragt. Dieses Gefühl habe ich heute nicht.
Der grosse Unterschied zu damals liegt zudem in der wirtschaftlichen Substanz. Viele heutige Gewinner verdienen tatsächlich Geld. Die grossen Techkonzerne haben reale Umsätze, reale Kunden und reale Gewinne. Nvidia, Microsoft, Amazon, Alphabet oder Meta sind keine Luftschlösser. Sie sind hochprofitable Unternehmen.
Das bedeutet aber nicht, dass alles harmlos ist. Eine Rallye kann auf echten Gewinnen beruhen und trotzdem überhitzen. Entscheidend ist deshalb nicht ein einzelnes Crash-Signal, sondern der Blick auf mehrere Warnlampen.
Warnsignal 1: Die Kurse steigen sehr schnell
Das auffälligste Warnsignal kommt aus dem Halbleitersektor. Der Philadelphia Semiconductor Index, kurz SOX, lag Mitte Juni rund 90 Prozent höher als zu Jahresbeginn. Auf Zwölfmonatssicht hat er sich sogar deutlich mehr als verdoppelt. Das ist kein Zufall. Chips sind die Grundlage des KI-Booms. Ohne Hochleistungsprozessoren, Speicher, Netzwerkchips und Rechenzentren gibt es keine künstliche Intelligenz im grossen Stil.
Trotzdem ist das Tempo bemerkenswert. Ein Plus von rund 90 Prozent in weniger als sechs Monaten ist selbst für einen Wachstumssektor aussergewöhnlich. Wenn ein ganzer Sektor so schnell steigt, sinkt die Fehlertoleranz. Dann reicht eine kleine Enttäuschung bei Umsatz, Margen, Lieferketten oder Investitionsplänen der grossen Techkonzerne, um starke Rückschläge auszulösen.
Beim breiten Markt sieht die Lage weniger extrem aus. Der S&P 500 lag per 18. Juni seit Jahresbeginn rund 9,6 Prozent im Plus, der technologielastige Nasdaq Composite rund 14,1 Prozent. Das ist kräftig, aber noch nicht automatisch eine Blase. Auffällig ist vor allem die Konzentration: Während der breite Markt solide gestiegen ist, explodierten einzelne KI- und Halbleitertitel regelrecht. Ein grosser Teil der Fantasie hängt also an Chips, Rechenzentren und wenigen sehr grossen US-Technologiewerten.
Ampel: Rot bei Halbleitern, Gelb beim Gesamtmarkt.Die Kursdynamik im Chipsektor ist sehr heiss. Der breite Markt ist teuer und stark, aber noch nicht eindeutig im klassischen Blasenmodus.
Warnsignal 2: Die Kursschwankungen werden stärker
Der bekannte Volatilitätsindex VIX misst die erwarteten Schwankungen des amerikanischen Aktienmarkts über die nächsten 30 Tage. Er wird oft als «Angstbarometer» der Wall Street bezeichnet. Mitte Juni lag er bei rund 16 bis 18 Punkten. Das ist erhöht gegenüber sehr ruhigen Marktphasen, aber noch weit weg von Panik.
Zur Einordnung: Werte unter 20 gelten meist als relativ entspannt. Ab etwa 30 spricht man von erhöhter Nervosität. Über 40 wird es deutlich stressig. Über 50 beginnt echte Marktpanik. In der Finanzkrise 2008 stieg der VIX zeitweise auf über 80. In der Corona-Panik 2020 erreichte er ebenfalls extreme Werte über 80. Davon sind wir derzeit weit entfernt.
Der Vergleich mit der Dotcom-Blase ist besonders interessant. Am Höhepunkt des S&P 500 im März 2000 lag der VIX nur bei gut 23 Punkten. Die Panik kam also nicht sofort. Während des anschliessenden Bärenmarkts bewegte sich der VIX über längere Zeit deutlich höher, häufig im Bereich von 25 bis 40 Punkten, mit Ausschlägen darüber. Das zeigt: Ein tiefer oder moderater VIX schliesst eine Überbewertung nicht aus. Er zeigt nur, dass der breite Markt noch nicht in Panik ist.
Genau so wirkt die Lage heute. Der Gesamtmarkt sendet noch kein akutes Stresssignal. Unter der Oberfläche ist es aber unruhiger. Gerade Halbleiteraktien schwanken stark. Es gibt Tage mit kräftigen Verlusten und kurz darauf wieder sehr starke Gegenbewegungen. Solche Bewegungen deuten darauf hin, dass viel kurzfristiges Kapital, Optionshandel, gehebelte Produkte und schnelle Handelsstrategien im Markt sind.
Das heisst nicht, dass ein Crash unmittelbar bevorsteht. Aber es zeigt: Teile des Marktes sind nervös. Der VIX sagt im Moment: keine Panik im breiten Markt. Die Bewegungen in KI- und Halbleiteraktien sagen: In einzelnen Boomsegmenten ist bereits viel Spannung im System.
Ampel: GelbDer VIX selbst steht noch nicht auf Rot. Dafür müsste er deutlich über 30 steigen, bei echter Panik eher über 40 oder 50. Aber die starken Schwankungen einzelner KI- und Halbleiterwerte sprechen dafür, dass die Ruhe im Gesamtmarkt etwas trügerisch sein könnte.
Warnsignal 3: Mehr Firmen gehen an die Börse
Ein klassisches Spätsignal jeder Börseneuphorie ist ein heisser Markt für Börsengänge. Firmen gehen selten dann an die Börse, wenn sie ihre Aktien für zu billig halten. Sie gehen an die Börse, wenn Investoren bereit sind, hohe Preise zu bezahlen.
Genau hier wird es interessant. Der US-Markt für Börsengänge, auch IPO-Markt genannt (IPO steht für Initial Public Offering) ist 2026 deutlich lebendiger geworden. Besonders auffällig war der Börsengang von SpaceX, der als grösster IPO der Geschichte Schlagzeilen machte. Gleichzeitig bereiten auch grosse KI-Firmen wie Anthropic und OpenAI den Weg an die Börse vor oder prüfen ihn.
Das muss nicht sofort gefährlich sein. Ein offener IPO-Markt kann auch ein Zeichen gesunder Kapitalmärkte sein. Aber wenn immer mehr Firmen Kasse machen wollen, sollten Anleger fragen: Wer verkauft hier eigentlich – und zu welchem Preis?
Ampel: Gelb bis Rot.Der IPO-Markt ist noch nicht völlig ausser Kontrolle. Aber grosse Tech- und KI-Börsengänge sind klare Hinweise, dass die Kurse hoch sind.
Warnsignal 4: Die Credit Spreads bleiben ruhig
Das wichtigste Gegengewicht zu den Warnsignalen am Aktienmarkt kommt vom Kreditmarkt. Credit Spreads zeigen, wie viel mehr Zins Unternehmen für ihre Schulden zahlen müssen als der US-Staat. Einfach gesagt: Je grösser die Angst, dass Firmen zahlungsunfähig werden, desto stärker steigen diese Risikoprämien.
Aktuell ist davon wenig zu sehen. Der Spread für US-Unternehmensanleihen mit BBB-Rating lag Mitte Juni bei rund 0,92 Prozentpunkten. BBB ist die unterste Stufe von «Investment Grade» – also jener Bonitätsklasse, die viele institutionelle Anleger noch kaufen dürfen. Ein Spread von unter einem Prozentpunkt ist sehr tief. Der langfristige Durchschnitt liegt bei knapp 1,9 Prozentpunkten. In der Finanzkrise 2008 schoss dieser Spread zeitweise auf über 8 Prozentpunkte. Auch während des Corona-Schocks 2020 stieg er auf knapp 4,9 Prozentpunkte. In der Dotcom- und Enron-/WorldCom-Phase Anfang der 2000er-Jahre kletterte er auf über 3,5 Prozentpunkte.
Noch wichtiger ist der Hochzinsmarkt, also der Markt für schlechter bewertete Unternehmensanleihen. Dort lag der US-High-Yield-Spread Mitte Juni bei rund 2,6 bis 2,7 Prozentpunkten. Auch das ist sehr niedrig. Zum Vergleich: In der Finanzkrise 2008 stieg dieser Spread auf über 20 Prozentpunkte. Im Corona-Schock 2020 erreichte er knapp 11 Prozentpunkte. Während der Dotcom-Baisse und der Unternehmensskandale Anfang der 2000er-Jahre lag er zeitweise bei rund 8 Prozentpunkten.
Das ist ein zentraler Punkt. Grosse Börsencrashs werden besonders gefährlich, wenn nicht nur Aktien fallen, sondern gleichzeitig der Kreditmarkt austrocknet. Dann wird Finanzierung teurer, Unternehmen geraten unter Druck, Anleger ziehen Geld ab, und aus einer Bewertungskorrektur kann eine echte Finanzkrise werden.
Dort sind wir derzeit nicht. Der Kreditmarkt sagt im Moment eher: Einzelne Aktiensegmente mögen heisslaufen, aber das Finanzsystem steht nicht unter breitem Stress. Unternehmen können sich weiterhin relativ günstig refinanzieren, und Obligationenanleger verlangen noch keine hohen Risikoprämien.
Ampel: GrünBei High-Yield-Spreads unter 3 Prozentpunkten und BBB-Spreads unter 1 Prozentpunkt signalisiert der Kreditmarkt keine Panik. Gelb würde ich beim High-Yield-Markt ab etwa 4 bis 5 Prozentpunkten sehen, Rot ab etwa 6 bis 8 Prozentpunkten. Von solchen Werten sind wir derzeit weit entfernt. Genau deshalb bestätigt der Kreditmarkt die Blasenangst noch nicht – und genau deshalb kann die Rallye länger weiterlaufen, als viele Skeptiker erwarten.
Was Anleger jetzt tun sollten
Die Gesamtampel ist gemischt. Bei Halbleitern und einzelnen KI-nahen Aktien leuchten die Warnlampen deutlich. Beim IPO-Markt wird es heisser. Die Volatilität ist erhöht, aber noch nicht panisch. Die Credit Spreads bleiben ruhig.
Das spricht weder für blinden Ausstieg noch für blindes Hinterherrennen. Die richtige Antwort ist Risikomanagement.
Erstens: Prüfen Sie Ihre Klumpenrisiken. Viele Welt-ETFs sind heute stark von grossen US-Technologiewerten geprägt. Wer zusätzlich einzelne KI-, Chip- oder Rechenzentrumsaktien hält, ist vielleicht stärker exponiert, als er denkt.
Zweitens: Unterscheiden Sie zwischen guter Firma und gutem Preis. Nvidia, Microsoft oder andere Gewinner können hervorragende Unternehmen sein. Trotzdem kann der Preis zeitweise zu hoch sein. Qualität schützt nicht vor Bewertungskorrekturen.
Drittens: Teilgewinne sind kein Verrat am Trend. Wenn eine Position stark gewachsen ist, kann es sinnvoll sein, sie wieder auf ein vernünftiges Gewicht zurückzuführen. Rebalancing ist keine Crash-Prognose, sondern Disziplin.
Viertens: Wer neu investiert, sollte gestaffelt vorgehen. Gerade in heissen Märkten ist es riskant, alles auf einmal zu kaufen. Tranchen reduzieren das Risiko, genau in einer Euphoriephase den gesamten Betrag einzusetzen.
Fünftens: Liquidität ist kein Zeichen von Feigheit. Wer Reserven hat, kann Rückschläge nutzen. Wer voll investiert und nervös wird, verkauft oft zum schlechtesten Zeitpunkt.
Die wichtigste Erkenntnis
Der aktuelle KI- und Halbleiterboom ist nicht einfach eine Wiederholung der Dotcom-Blase. Dafür sind viele heutige Unternehmen zu profitabel, zu marktstark und zu wichtig für die reale Wirtschaft. Aber einzelne Segmente können trotzdem überhitzen.
Die Lage ist also nicht harmlos. Aber sie ist auch nicht eindeutig blasenhaft. Einige Warnlampen stehen auf Gelb oder Rot. Die wichtige Warnlampe des Kreditmarkts bleibt jedoch grün.
Genau das macht diese Börsenphase so schwierig: Sie kann weiterlaufen, obwohl sie teuer wirkt. Und sie kann heftig korrigieren, obwohl die langfristige KI-Story real bleibt.
Für Anlegerinnen und Anleger heisst das: Nicht in Panik verkaufen. Aber auch nicht sorglos kaufen. Die beste Strategie ist breite Streuung, regelmässiges Rebalancing, gestaffeltes Investieren und ein klarer Blick auf das eigene Risiko.
Denn an der Börse gewinnt langfristig nicht, wer die lauteste Geschichte glaubt. Sondern wer Chancen erkennt – und trotzdem weiss, wie viel Risiko er tragen kann.



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