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Die sicherste Bank der Welt

  • Autorenbild: Harry Büsser
    Harry Büsser
  • 15. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Wer vor strengeren Kapitalregeln für die UBS warnt, spricht meist über mögliche Mehrkosten für Unternehmen. Was dabei gerne verschwiegen wird: Die heutigen Vorteile der Grossbank entstehen nicht im luftleeren Raum. Hinter ihnen steht auch die Erwartung, dass die Schweiz die UBS im Ernstfall nicht fallen lassen kann. Diese implizite Staatsgarantie verbilligt die Finanzierung der Bank. Den Vorteil erhält die UBS. Das Restrisiko trägt die Allgemeinheit.

Wenn ein Industriechef sagt, strengere Regeln für die UBS schadeten dem Werkplatz Schweiz, klingt das zunächst plausibel. Niemand wünscht sich unnötig teure Firmenkredite oder schlechtere Finanzierungsmöglichkeiten für Schweizer Unternehmen.

Barend Fruithof, CEO von Aebi Schmidt und früher selbst Banker, warnte in der NZZ, höhere Kapitalanforderungen könnten Firmenkredite verteuern und damit dem Werkplatz Schweiz schaden.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir günstige Kredite wollen. Natürlich wollen wir sie. Die entscheidende Frage lautet: Warum sind diese Kredite günstig – und wer bezahlt den Preis dafür?

Der billige Kredit fällt nicht vom Himmel

Wenn sich die UBS günstiger refinanzieren kann als eine Bank, die im Ernstfall wirklich allein dasteht, entsteht dieser Vorteil nicht aus dem Nichts.

Ein Teil davon beruht auf der Erwartung des Marktes, dass die Schweiz eine Bank dieser Grösse und Bedeutung in einer schweren Krise kaum unkontrolliert untergehen lassen könnte. Gläubiger rechnen deshalb mit staatlicher Unterstützung und verlangen weniger Zins, als sie ohne diese Erwartung verlangen würden.

Die Schweizerische Nationalbank hat den Zusammenhang schon vor Jahren bemerkenswert deutlich beschrieben: Systemrelevante Grossbanken profitieren wegen ihrer faktischen Staatsgarantie von künstlich tiefen Finanzierungskosten. Ökonomisch entspricht das einer staatlichen Subvention.

Wenn die UBS diesen Finanzierungsvorteil teilweise in Form günstigerer Firmenkredite weitergibt, ist das kein Geschenk, das auf wundersame Weise entstanden ist. Es ist eine indirekte Subvention, deren Preis nicht auf einer Rechnung erscheint.

Der Preis besteht im Risiko, das der Staat und damit letztlich die Steuerzahlenden übernehmen.

Die Bank erhält tiefere Finanzierungskosten. Ihre Gläubiger erhalten mehr Sicherheit. Die Aktionäre profitieren von der hohen Verschuldung. Und wenn es ganz schiefgeht, steht die Öffentlichkeit unter enormem Handlungsdruck.

Das ist keine freie Marktwirtschaft. Es ist ein Markt mit einem unsichtbaren Sicherheitsnetz.

Eigenkapital ist kein Geld im Tresor

Banken argumentieren seit Jahrzehnten ähnlich: Mehr Eigenkapital mache Kredite teurer, schade der Wirtschaft und bremse das Wachstum.

Dahinter steckt oft ein Missverständnis. Eigenkapital ist kein Geld, das ungenutzt in einem Tresor liegt. Es ist eine Finanzierungsquelle. Eine Bank mit mehr Eigenkapital kann weiterhin Kredite vergeben und Wertschriften halten. Sie finanziert diese Anlagen lediglich mit weniger Schulden.

Bei einem gewöhnlichen Unternehmen leuchtet das sofort ein: Wer mehr eigenes Geld und weniger Fremdkapital einsetzt, kann grössere Verluste überstehen. Bei Banken wird daraus plötzlich eine schwer durchschaubare Debatte über Basel-Vorschriften, Modellannahmen und Risikogewichte.

Die UBS wies Ende 2025 eine CET1-Kapitalquote von 14,4 Prozent aus. Das klingt nach einem dicken Polster. Die Zahl bezieht sich allerdings auf risikogewichtete Aktiven. Die ungewichtete CET1-Leverage-Ratio lag bei lediglich 4,4 Prozent.

Bei den risikogewichteten Aktiven zählt nicht jeder Franken auf der Bilanz gleich viel. Vermögenswerte, die nach den verwendeten Modellen als wenig riskant gelten, werden nur teilweise oder gar nicht angerechnet. Das kann sachlich begründet sein. Es kann aber auch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit schaffen.

Finanzkrisen entstehen nicht selten gerade dort, wo Risiken zuvor als klein, gut verteilt oder beherrschbar galten.

Was der einfache Blick auf die Bilanz zeigt

Eine nützliche Kontrollrechnung ist deshalb erstaunlich simpel: Wie viel ausgewiesenes Eigenkapital steht der gesamten Bilanzsumme gegenüber?

Ende 2025 verfügte die UBS Group über eine Bilanzsumme von 1’617,4 Milliarden Dollar und ein gesamtes Eigenkapital von 90,5 Milliarden Dollar. Das ergibt eine ungewichtete Buch-Eigenkapitalquote von rund 5,6 Prozent.

JPMorgan Chase wies zum gleichen Zeitpunkt eine Bilanzsumme von 4’424,9 Milliarden Dollar und Eigenkapital von 362,4 Milliarden Dollar aus. Die entsprechende Quote betrug rund 8,2 Prozent.

Bei der Bank of America standen einer Bilanzsumme von 3’410,4 Milliarden Dollar rund 303,2 Milliarden Dollar Eigenkapital gegenüber. Das ergibt rund 8,9 Prozent.

Die beiden amerikanischen Grossbanken verfügen gemessen an dieser einfachen Kennzahl also über deutlich mehr Eigenkapital als die UBS.

Der Vergleich ist nicht vollkommen. Die UBS bilanziert nach IFRS, die amerikanischen Banken nach US-GAAP. Unterschiedliche Vorschriften, insbesondere bei der Verrechnung bestimmter Positionen, können die ausgewiesene Bilanzsumme beeinflussen. Auch handelt es sich bei dieser einfachen Buch-Eigenkapitalquote nicht um die regulatorische CET1-Quote.

Trotzdem ist der Vergleich aufschlussreich. Er kommt ohne bankinterne Risikogewichte aus und beantwortet eine leicht verständliche Frage: Wie viel ausgewiesenes Eigenkapital steht wie vielen Vermögenswerten gegenüber?

Er zeigt vor allem eines: Eine deutlich stärkere Eigenkapitalausstattung ist für eine global tätige Grossbank weder theoretisch unmöglich noch international völlig exotisch.

Warum zehn Prozent nicht radikal wären

Eine ungewichtete Eigenkapitalquote von rund zehn Prozent wäre für die UBS deutlich höher als heute. Sie wäre aber keine absurde Forderung.

Einflussreiche Fachleute wie die Stanford-Professorin Anat Admati und der Ökonom Martin Hellwig fordern seit Jahren erheblich mehr Eigenkapital für Grossbanken. Admati argumentiert, dass selbst eine Quote von 15 Prozent der gesamten, nicht risikogewichteten Aktiven noch deutlich unter den Eigenkapitalquoten vieler gesunder Unternehmen ausserhalb der Finanzbranche läge.

Mehr Eigenkapital beseitigt nicht jedes Risiko. Aber es verschiebt Verluste dorthin, wo sie hingehören: zu den Eigentümern der Bank, die in guten Zeiten von den Gewinnen profitieren.

Warum deutlich mehr Eigenkapital das Finanzsystem stabiler machen könnte und weshalb das häufige Argument vom angeblich «teuren» Eigenkapital zu kurz greift, habe ich bereits ausführlicher in meinem Artikel So werden Banken und das Finanzsystem sicherer: Viel mehr Eigenkapital beschrieben.

Die letzte globale Schweizer Grossbank

Die Schweiz hatte einmal mehrere Grossbanken. Nach der Übernahme der Credit Suisse im Jahr 2023 ist die UBS als einzige global tätige Schweizer Grossbank übrig geblieben.

Ihre Bedeutung für das Land ist enorm. Genau deshalb ist die Vorstellung wenig überzeugend, sie müsse besonders wenig Eigenkapital halten, damit sie international konkurrenzfähig bleibe.

Je bedeutender eine Bank für eine Volkswirtschaft ist, desto weniger glaubwürdig ist die Behauptung, der Staat werde sie im Krisenfall einfach sich selbst überlassen.

Und je weniger glaubwürdig diese Behauptung ist, desto wertvoller wird die implizite Staatsgarantie.

Die Schweiz steht damit vor einer eigentümlichen Argumentation: Die UBS sei so wichtig, dass strengere Regeln dem ganzen Land schaden könnten. Ausgerechnet daraus wird gefolgert, man dürfe von ihr nicht zu viel Sicherheit verlangen.

Dabei ist das Gegenteil richtig.

Wenn eine Bank für das Land derart wichtig ist, muss ihre Fähigkeit, Verluste selbst zu tragen, umso grösser sein.

Die geplanten Regeln

Der Bundesrat hat im April 2026 seine Botschaft zur Revision des Bankengesetzes verabschiedet. Systemrelevante Banken sollen Beteiligungen an ausländischen Tochtergesellschaften künftig vollständig mit hartem Kernkapital unterlegen. Bei der gegenwärtigen Struktur wäre davon vor allem die UBS betroffen.

Nach Berechnungen des Bundesrates würde die CET1-Quote der UBS Group nach Umsetzung sämtlicher Massnahmen pro forma rund 15,5 Prozent betragen. Damit läge sie weiterhin innerhalb der Bandbreite internationaler Vergleichsbanken.

Die zuständige Kommission des Ständerats hat bereits Anhörungen durchgeführt, will aber Varianten und Alternativen prüfen und die Beratung im August 2026 fortsetzen.

Genau hier besteht die Gefahr, dass aus der grundsätzlichen Einsicht erneut ein kompliziertes Regelwerk entsteht, das auf dem Papier streng wirkt, in der Praxis aber grosse Spielräume und tiefe effektive Eigenkapitalquoten zulässt.

Wer garantiert, sollte eine Prämie verlangen

Im Grundsatz gibt es zwei saubere Lösungen.

Entweder die UBS hält wesentlich mehr Eigenkapital und kann dadurch einen grösseren Teil möglicher Verluste selbst auffangen.

Oder sie bezahlt der Eidgenossenschaft eine angemessene Prämie für den Finanzierungsvorteil, den ihr die implizite Staatsgarantie verschafft.

Eine solche Garantie hat einen wirtschaftlichen Wert. Sie verschiebt Risiken von den Gläubigern auf den Garanten und funktioniert damit ähnlich wie eine Versicherung. Der Unterschied besteht darin, dass eine private Versicherung ein derart grosses und konzentriertes Risiko kaum übernehmen könnte.

Eine risikogerechte Prämie wäre deshalb vermutlich sehr hoch. Sie müsste das Ausmass der Bilanz, die Wahrscheinlichkeit einer Krise und den möglichen Schaden für Staat und Volkswirtschaft berücksichtigen.

Die heutige Lösung ist für die Bank bequemer: Sie profitiert vom Vertrauen in staatliche Unterstützung, ohne für diese Garantie einen transparenten Marktpreis zu bezahlen.

Sicherheit ist kein Standortnachteil

Die UBS könnte eine höhere Eigenkapitalquote auch als Wettbewerbsvorteil nutzen.

Sie könnte glaubwürdig sagen: Wir sind nicht bloss aufgrund komplexer Basel-Quoten sicher. Wir verfügen tatsächlich über deutlich mehr eigenes, verlusttragendes Kapital als zuvor.

Für eine Vermögensverwaltungsbank, deren Geschäftsmodell stark vom Vertrauen ihrer Kundschaft abhängt, wäre das keine belanglose Botschaft.

Auch für den Finanzplatz Schweiz wäre eine robuste Grossbank wertvoller als eine Bank, deren hohe Eigenkapitalrendite teilweise darauf beruht, dass sie sehr wenig Eigenkapital einsetzt.

Der Werkplatz Schweiz braucht verlässliche Finanzierung. Aber er braucht keine Kredite, die nur deshalb billig erscheinen, weil ein Teil des Risikos unsichtbar auf den Staat übertragen wird.

Günstige Kredite sind gut. Ehrliche Preise sind besser.

Und wenn die UBS tatsächlich so wichtig ist, dass strengere Regeln angeblich dem ganzen Land schaden würden, dann ist das nicht das stärkste Argument gegen mehr Eigenkapital.

Es ist das stärkste Argument dafür.


 
 
 

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