Börsenguru warnt vor dem grossen Crash: Sollen Anleger jetzt verkaufen?
Der Schweizer Investor Marc Faber schlägt wieder Alarm: Aktien, Obligationen und fast alle Papierwerte könnten stark an Wert verlieren. Schutz bieten aus seiner Sicht vor allem Gold und Rohstoffe. Faber ist seit Jahrzehnten als «Dr. Doom» bekannt – als Mann der düsteren Börsenprognosen. Doch wie treffsicher waren seine Warnungen bisher?

Es klingt wie ein Feueralarm am Finanzmarkt: Aktien verlieren. Obligationen verlieren. Papiergeld verliert. Nur Gold und Rohstoffe schützen noch vor dem grossen Absturz.
So ungefähr lautet die aktuelle Warnung von Marc Faber. Der Schweizer Investor lebt seit vielen Jahren in Asien, gibt den Börsenbrief «The Gloom, Boom & Doom Report» heraus und wurde wegen seiner düsteren Prognosen international als «Dr. Doom» bekannt. Auf seiner eigenen Website wird er als Fondsmanager, Autor und Herausgeber des Reports beschrieben; berühmt wurde er unter anderem, weil ihm eine frühe Warnung vor dem Börsencrash von 1987 zugeschrieben wird.
Faber ist kein beliebiger Schwarzmaler. Er kennt die Finanzmärkte seit Jahrzehnten, denkt unabhängig und warnt immer wieder vor Schulden, Geldentwertung und Spekulationsblasen. In jüngeren Auftritten sprach er von einem möglichen grossen Markttop, von Risiken im KI-Boom und davon, dass Anleger physisches Gold ausserhalb des Bankensystems halten sollten.
Doch für Privatanleger ist nicht entscheidend, ob Faber klug klingt. Entscheidend ist eine andere Frage: Soll man wegen einer solchen Warnung wirklich das eigene Depot umbauen?
Hier wird es heikel. Denn Faber warnt nicht zum ersten Mal vor einem grossen Bruch. Seit Jahren spricht er immer wieder von überteuerten Aktien, gefährlichen Schulden, schwachem Papiergeld und einem möglichen Finanzkollaps. Manchmal lag er mit seiner Skepsis richtig. Sehr oft aber kam der Crash nicht – oder die Börsen stiegen danach weiter.
Oft gewarnt, oft zu früh
Ein Beispiel: Anfang 2016 warnte Faber, globale Aktien könnten wegen Schulden- und Liquiditätsproblemen nochmals um 40 Prozent fallen; Gold könne in einer solchen Krise Schutz bieten. Das klang damals nicht absurd. Die Märkte waren nervös, China machte Sorgen, Rohstoffe waren unter Druck.
Nur: Die Börse hielt sich nicht an den Fahrplan.
Der S&P 500 zeigt das gut. Das ist der wichtigste breite Aktienindex der USA. In ihm stecken 500 grosse US-Unternehmen – also nicht nur ein einzelner Technologietitel, sondern ein grosser Korb amerikanischer Aktien. 2016 legte dieser Index inklusive Dividenden rund 12 Prozent zu. 2017 waren es knapp 22 Prozent. 2019 sogar über 31 Prozent. Und selbst 2020, trotz Corona-Crash im Frühjahr, schloss der S&P 500 das Jahr mit gut 18 Prozent Plus ab. 2021 kamen nochmals fast 29 Prozent dazu.
Natürlich gab es auch Jahre, in denen Faber mit seiner Vorsicht näher an der Wahrheit lag. Im Dezember 2021 sagte er, Kapitalerhalt sei wichtiger als die Verdoppelung des Geldes. Kurz darauf wurde 2022 tatsächlich ein schlechtes Börsenjahr: Der S&P 500 verlor (inklusive Dividenden gerechnet) gut 18 Prozent.
Das ist der Punkt: Crash-Warner liegen nicht immer falsch. Aber sie liegen oft zu früh. Und an der Börse kann «zu früh» fast gleich teuer sein wie falsch. Wer aus Angst zu früh verkauft, muss später auch den richtigen Moment zum Wiedereinstieg finden. Genau das gelingt den wenigsten.
Das Problem mit den Gurus
Marc Faber ist kein Einzelfall. Finanzmärkte sind voll von Gurus, Strategen und Starinvestoren, die den nächsten grossen Bruch voraussagen. Einige treffen spektakulär einmal richtig. Danach bleiben sie bekannt. Ihre Fehlalarme geraten schneller in Vergessenheit.
Eine ältere, aber aufschlussreiche Auswertung von CXO Advisory zeigt das Problem. Die Firma sammelte öffentliche Börsenprognosen bekannter Marktkommentatoren und prüfte, ob sie später eintrafen. Das Ergebnis war ernüchternd: Bei Marc Faber weist CXO 164 ausgewertete Prognosen und eine Trefferquote von 44,6 Prozent aus. Das ist nicht besser als Zufall – eher schlechter.
Solche Zahlen sollte man nicht überinterpretieren. Eine Börsenprognose ist schwer zu bewerten. Manche Aussagen sind vage, manche langfristig, manche eher Warnung als konkrete Vorhersage. Aber die Grundaussage bleibt: Auch bekannte Marktkommentatoren haben keine Kristallkugel.
Das heisst nicht, dass solche Stimmen wertlos sind. Sie können helfen, Risiken zu erkennen. Sie können Anleger aus der Sorglosigkeit holen. Aber sie eignen sich schlecht als Börsenkalender. Wer bei jeder düsteren Prognose alles verkauft, macht aus einer Warnung eine Wette.
Warum seine Warnung diesmal trotzdem nicht belanglos ist
Trotzdem sollte man Fabers aktuelle Warnung nicht einfach weglachen. Die Lage ist tatsächlich anspruchsvoller geworden.
Erstens sind die Zinsen zurück. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen lag am 10. September bei 5,37 Prozent. Vereinfacht gesagt: Wer eine Million Dollar in solche Anleihen steckt, erhält rechnerisch rund 53’000 Dollar Zins pro Jahr – vor Steuern, Gebühren und Währungsrisiko.
Für Schweizer Anleger ist das nicht risikolos. Der Dollar kann fallen. Dann schrumpft der Ertrag in Franken oder verschwindet sogar. Auch der Kurs der Anleihe kann schwanken, wenn man sie vor Ablauf verkauft. Trotzdem ist die Zahl wichtig: Risiko muss sich wieder lohnen. Wenn eine relativ sichere Anlage mehr als 5 Prozent abwirft, reicht es bei Aktien nicht mehr, nur auf eine schöne Zukunftsgeschichte zu verweisen.
Zweitens sind viele Profianleger bereits stark in Aktien investiert. Laut der Bank-of-America-Umfrage vom Juli fielen die Cash-Bestände der Fondsmanager auf sehr tiefe 3,6 Prozent. Das löste bei BofA sogar ein sogenanntes konträres Verkaufssignal aus – also ein Warnzeichen, weil viele Anleger bereits optimistisch positioniert sind.
Das ist kein sicherer Crash-Auslöser. Aber es zeigt: Viele sind schon drin. Wenn fast alle bereits Aktien gekauft haben, braucht es immer neue Käufer und immer neue gute Nachrichten, damit die Kurse weiter steigen.
Drittens hängt ein Teil der Börsenstimmung stark an der KI-Story. Künstliche Intelligenz ist real. Viele Anwendungen sind nützlich. Aber Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und Kühlung kosten enorme Summen, bevor klar ist, ob die künftigen Gewinne diese Investitionen rechtfertigen. Wenn diese Rechnung nicht aufgeht, kann aus einer Enttäuschung schnell ein Ketteneffekt werden.
Was Anleger daraus machen sollten
Die richtige Lehre lautet deshalb nicht: Alles verkaufen und nur noch Gold kaufen.
Gold kann als Beimischung sinnvoll sein. Rohstoffe können in bestimmten Phasen schützen. Aber auch Gold schwankt stark, bringt keine Zinsen und ist keine Garantie gegen Verluste. Wer aus Angst alles auf eine einzige Krisenwette setzt, ersetzt ein Risiko durch ein anderes.
Besser ist ein nüchterner Depot-Check.
Wie hoch ist der Aktienanteil wirklich? Wie stark hängt das Depot an US-Technologie und KI? Gibt es genügend Liquidität für schlechte Phasen? Passt die Mischung noch zur eigenen Risikofähigkeit? Und wurde nach starken Kursgewinnen überhaupt einmal rebalanciert?
Rebalancing heisst: Gewinne nicht einfach laufen lassen, bis eine einzelne Anlage das Depot dominiert. Man nimmt regelmässig etwas Risiko aus stark gestiegenen Positionen heraus und stellt die gewünschte Mischung wieder her.
Wichtig ist auch: Nicht jede Warnung verlangt eine grosse Handlung. Manchmal reicht eine kleine Korrektur. Etwas mehr Liquidität. Eine übergrosse Position abbauen. Gold als kleine Beimischung statt als Hauptwette. Einen Sparplan weiterlaufen lassen, aber keine zusätzlichen Klumpenrisiken eingehen.
Fazit
Marc Faber sollte man nicht ignorieren. Aber man sollte ihm auch nicht blind folgen.
Seine Warnungen sind oft gute Stresstests für das eigene Denken. Sie zwingen Anlegerinnen und Anleger zur Frage: Bin ich zu sorglos geworden? Habe ich zu viel Risiko im Depot? Glaube ich zu stark an eine einzige Geschichte?
Als Prognoseinstrument ist «Dr. Doom» dagegen schwach. Wer in den letzten zehn Jahren bei jeder seiner Crash-Warnungen ausgestiegen wäre, hätte mehrere sehr gute Börsenjahre verpasst.
Vielleicht hat Faber diesmal recht. Möglich ist das immer. Die hohen Zinsen, die starke Aktienpositionierung der Profis und die grosse KI-Euphorie sind echte Warnzeichen. Aber die bessere Antwort ist nicht Panik. Die bessere Antwort ist Vorbereitung: Risiken prüfen, übergrosse Positionen abbauen, Liquidität halten, Gold höchstens als Beimischung verstehen – und nicht vergessen, dass auch Crash-Propheten die Zukunft nicht zuverlässig voraussagen.



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