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Aktien sind nicht mehr alternativlos

Autorenbild: Harry Büsser
Harry Büsser
20. Aug.
4 Min. Lesezeit

Die Börsen laufen heiss, Fondsmanager halten so wenig Cash wie selten zuvor – und gleichzeitig werfen langfristige US-Staatsanleihen wieder mehr als 5 Prozent ab. Das verändert die Rechnung für Anlegerinnen und Anleger. Wer heute Risiko nimmt, sollte wissen, wofür.


Eine Million ist in der Schweiz schnell weg, wenn man ein Haus kaufen will. Wohneigentum ist für viele die grösste finanzielle Entscheidung des Lebens.

Genau deshalb lohnt sich ein Gedankenexperiment. Wer eine Million Dollar in 30-jährige US-Staatsanleihen investiert, erhält bei einer Rendite von derzeit rund 5,3 Prozent 53’000 Dollar Zins pro Jahr. Vor Steuern, Gebühren und Währungsrisiko. Die 30-jährige US-Rendite stieg Mitte August zeitweise auf 5,337 Prozent, den höchsten Stand seit 2007.

Für alle, die Ausgaben in US-Dollar haben, sind die US-Staatsanleihen noch immer fast risikolos - die USA werden ihre Schulden in US-Dollar immer bedienen können.

Für Schweizer Anleger, mit hauptsächlich Ausgaben in Schweizer Franken ist das natürlich kein risikoloser Zins. Der Dollar kann fallen. Trotzdem ist die Zahl wichtig. Denn sie zeigt: Geld hat wieder einen Preis. Und relativ sichere Anlagen bringen wieder Ertrag.

Das ist neu gegenüber den Nullzinsjahren. Damals lautete die Börsengeschichte oft: Aktien sind alternativlos. Obligationen bringen nichts. Wer Rendite wollte, musste Risiken mit Aktien eingehen.

Heute ist die Lage anders. Risiko muss sich wieder besser erklären.


Die Messlatte liegt höher

Wenn eine relativ sichere Anlage mehr als 5 Prozent abwirft, reicht es nicht mehr, bei Aktien einfach auf eine schöne Geschichte zu verweisen. Eine Aktie muss mehr bieten: solide Gewinne, echtes Wachstum, vernünftige Bewertung und eine überzeugende Zukunft.

Genau hier wird die aktuelle Börsenlage heikel. Viele Anleger sind bereits stark investiert. Laut der jüngsten Umfrage der Bank of America halten internationale Fondsmanager nur noch 3,5 Prozent ihrer Portfolios in Cash. Das ist sehr wenig. Gleichzeitig ist die Aktienquote so hoch wie seit Jahren nicht mehr.

Das heisst nicht, dass morgen ein Crash kommt. Börsen können lange weiter steigen, auch wenn viele bereits optimistisch sind. Aber die Ausgangslage wird anfälliger. Wenn fast alle schon investiert sind, welche Käufer sollen dann die Kurse noch weiter nach oben treiben? Schlechte Nachrichten treffen dann auf einen Markt, der wenig Sicherheitsabstand hat.


Der KI-Boom braucht immer mehr Geld

Am sichtbarsten ist das bei künstlicher Intelligenz. Die Geschichte klingt stark: KI verändert Arbeit, Medizin, Forschung, Programmierung, Industrie und Kommunikation. Das ist wahrscheinlich so. Viele Anwendungen sind real. Viele Firmen verdienen bereits Geld damit.

Aber der Boom hat eine Besonderheit: Er verschlingt enorme Summen, bevor klar ist, ob sie sich alle rechnen. Rechenzentren, Chips, Stromversorgung, Kühlung und Glasfaserleitungen müssen gebaut werden, lange bevor die künftigen Erträge sicher sind.

OpenAI ist dafür das beste Beispiel. Das Unternehmen steht im Zentrum der KI-Euphorie. Gleichzeitig hängt ein grosser Teil der Infrastrukturwette daran, dass OpenAI und ähnliche Firmen in den nächsten Jahren massiv wachsen und genug Geld verdienen, um die gemieteten Rechenzentren, Chips und Cloud-Kapazitäten auch zu bezahlen.

Reuters berichtete im August, Nvidia habe eine Garantie von bis zu 105 Milliarden Dollar abgegeben, um OpenAI bei der Miete eines grossen Rechenzentrums in Ohio zu helfen. Gleichzeitig schrieb Reuters, Nvidia könne bis 2030 mit OpenAI Umsätze von bis zu 600 Milliarden Dollar erzielen, wenn die geplanten Rechenkapazitäten gebaut und genutzt werden. Ein Analyst sprach in diesem Zusammenhang von einer «circular financing»-Struktur – also von einem Kreislauf, in dem KI-Firmen, Chiphersteller, Rechenzentrumsbetreiber und Finanzinvestoren einander gegenseitig stützen.

Das ist nicht automatisch schlecht. So werden grosse Infrastrukturen oft finanziert. Eisenbahnen, Stromnetze, Telekomnetze und Internetkabel wurden ebenfalls auf Zukunft gebaut. Aber es ist ein Risiko. Wenn die Nachfrage später nicht so stark wächst wie erhofft, bleiben Kosten, Schulden und Überkapazitäten zurück.


Was, wenn die Rechnung nicht aufgeht?

Man muss nicht behaupten, OpenAI gehe konkurs, um das Risiko zu verstehen. Die wichtigere Frage lautet: Was passiert, wenn die erwarteten Zahlungen später kleiner ausfallen als geplant?

Dann trifft es nicht nur OpenAI. Dann trifft es Zulieferer, Vermieter von Rechenzentren, Cloud-Anbieter, Chiphersteller, Strom- und Kühlungsfirmen sowie Banken und Investoren, die den Ausbau finanziert haben. Aus einer einzelnen Enttäuschung kann ein Ketteneffekt werden.

Das ist der Punkt, den Anlegerinnen und Anleger verstehen müssen: Nicht jede KI-Aktie ist nur eine Aktie. Viele Titel hängen inzwischen an derselben Grundannahme: dass KI in wenigen Jahren genug Umsatz erzeugt, um die heutigen Investitionen zu rechtfertigen.

Wenn diese Annahme stimmt, können viele Unternehmen weiter stark wachsen. Wenn sie nicht stimmt, werden die Bewertungen zu hoch gewesen sein.


Haus, Aktien oder Anleihen?

Damit zurück zur Million. Wer ein Haus kauft, erhält Wohnnutzen, Sicherheit und vielleicht Wertsteigerung. Wer Aktien kauft, beteiligt sich an Unternehmen und deren Zukunft. Wer lange US-Staatsanleihen kauft, erhält derzeit einen hohen laufenden Zins, trägt aber Währungs- und Zinsrisiko. Und es gibt eine neue Frage: Muss ich für jede Rendite wirklich so viel Risiko nehmen?

Bei Nullzinsen war es verständlich, dass Anleger aus Cash und Anleihen flohen. Heute muss man neu rechnen. Ein Depot, das stark in Aktien, Immobilien und KI-Fantasie steckt, kann langfristig funktionieren. Aber es sollte bewusst so gebaut sein – nicht aus Gewohnheit.


Was Anleger jetzt tun sollten

Erstens: Prüfen Sie, wie viel Risiko bereits im Depot steckt. Viele Welt-ETF enthalten heute hohe Anteile grosser US-Technologiewerte. Wer zusätzlich einzelne KI-, Chip- oder Rechenzentrumsaktien hält, ist vielleicht stärker auf dieselbe Geschichte gesetzt, als er denkt.

Zweitens: Vergleichen Sie Aktien wieder mit Anleihen. Eine gute Firma ist nicht automatisch eine gute Aktie. Wenn sichere Zinsen über 5 Prozent liegen, muss eine teure Aktie überzeugend wachsen, damit sich das zusätzliche Risiko lohnt.

Drittens: Halten Sie Liquidität. Cash ist nicht immer ein Renditekiller. Cash ist auch Handlungsfähigkeit. Wer Reserven hat, muss in einer Korrektur nicht verkaufen und kann Chancen nutzen.

Viertens: Rebalancing ernst nehmen. Rebalancing heisst: Gewinne nicht einfach laufen lassen, bis eine einzelne Anlage das Depot dominiert. Man nimmt regelmässig etwas Risiko aus stark gestiegenen Positionen heraus und stellt die gewünschte Mischung wieder her.

Fünftens: Beim Eigenheim nüchtern rechnen. Wohnen ist mehr als Investieren. Aber gebundenes Eigenkapital hat wieder einen Preis. Wer viel Geld ins Haus steckt, verzichtet auf Erträge, die anderswo möglich wären.

Fazit

Die zentrale Botschaft lautet nicht: Raus aus Aktien. Und auch nicht: Rein in US-Staatsanleihen. Die Botschaft lautet: Der Massstab hat sich verändert.

Früher mussten Anleger Risiko nehmen, weil es kaum Zins gab. Heute gibt es wieder Zins. Gleichzeitig sind viele Profis stark in Aktien investiert, und ein Teil des Marktes hängt an sehr grossen KI-Versprechen.

Darum sollten Anlegerinnen und Anleger jetzt nicht panisch werden, aber genauer hinsehen. Welche Rendite erwarte ich? Welches Risiko trage ich? Wie viel hängt an einer einzigen Geschichte? Und bekomme ich für dieses Risiko genug bezahlt?

Denn wenn 5 Prozent Zins plötzlich wieder möglich sind, muss jede riskantere Anlage eine bessere Antwort liefern als nur: Die Zukunft wird grossartig.

 

 
 
 

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